Sonntag, 22. Mai 2016

Teheran - Ferdowsi Street - Azadi Place - Hosteltehran

Nach einer schlaflosen Nacht auf dem Istanbuler Flughafen ging es dann problemlos weiter nach Teheran. Abgesehen von einem total ekligen Mozzarella-Sandwich ging es mir trotz Schlafmangel erstaunlich gut und in dem halbleeren Airbus 330-200 konnte ich sogar meine Beine ausstrecken, ein echter Luxus für meine 192 Zentimeter.



Dann die große Frage, komm ich rein? Bekomme ich mein Visum und darf nun wirklich erleben und sehen was ich seit fast einem Jahr geplant habe?


Zuerst einmal wurde meine internationale Krankenversicherung nicht anerkannt. Wenn Ihr auch mal in den Iran wollt, lasst Euch eine extra Bescheinigung Eurer Auslandskrankenversicherung ausstellen auf der eindeutig das Wort IRAN steht, was anderes kann der Typ am Versicherungsschalter im Imam Khomeini Airport eh nicht entziffern. Vergesst es Eure reguläre Police vorzeigen zu wollen. OK, das war ein lösbares Problem, habe ich halt für 15 € eine dreimonatige Iranische Krankenversicherung gekauft.



Dann ging es weiter zum eigentlichen Visa Schalter. Die entscheidende Frage des Typen der zwischen mir und dem Beamten verhandelte (Nein, man darf NICHT direkt selber mit dem Beamten reden.) war: „Haben Sie schon eine Unterkunft oder einen Iraner der Sie namentlich eingeladen hat?“ Nein, habe ich nicht…



Vielleicht fragt Ihr Euch an dieser Stelle wieso ich Idiot mein Hostel nicht vorher gebucht und mir das bestätigen haben lasse? Habe ich ja, aber dann erreichte mich vorgestern eine kryptische Email des Hostelbetreibers, ich solle doch auf GAR KEINEN FALL seine Rufnummer beim Visaantrag angeben. Und außerdem sei das auch nicht nötig und es gebe in der letzten Zeit nie Probleme trotzdem rein zu kommen. Da ich natürlich meinem Gastgeber keine Probleme bereiten will, und diese Mail hörte sich ganz klar nach Problem an, habe ich mich daran gehalten.



… aber ich habe drei Adressen von Hostels um mir eines zu suchen. So versuchte ich mich aus der Sache heraus zu winden. Und siehe da, es läuft! Er wollte nur, dass ich irgendeine Telefonnummer eines meiner möglichen Hostels aufschreibe und gut. Ich habe es dann mit einer ausgedachten Rufnummer mit Iranischer Mobilfunkvorwahl versucht. Darauf hoffend, dass es nur wichtig ist das Feld ausgefüllt zu haben und NICHT dort angerufen wird.



Als nächstes wollten sie noch meinen Namen, Geburtsdatum, Namen meines Vaters und meinen Beruf wissen. Dann hat der Typ meine Papiere genommen und mir einen kleinen, gelben, handschriftlichen Zettel mit einer 75 darauf gegeben und meinte, auf einen Bankschalter zeigend nur :“Pay!“. Gut, ich bin ein braver Visabeantrager, ich zahle. Dann hieß es nur :“Sit!“ Auch gut, sitzen, warten, mit verschleierten jungen Frauen herumscherzen, Tee trinken, ganz mein Ding. So fühlt sich Urlaub an…..



Die anderen zehn Bewerber um die Eintrittskarte ins Abenteuer bekamen alle nach und nach ihr Visum, auch die nette Schleierträgerin war schon einige Zeit weg, ich saß und saß… Und dann bekam ich tatsächlich mein Visum (drei versuchte Zugriffe auf mein vorsichtshalber gesperrtes Google-Profil später, wie ich nachher beim ersten Login merken durfte….).



Nun nur noch eine halbe Stunde an der Passkontrolle herumstehen und sich von irgendwelchen Revolutionsgardisten beglotzen lassen und schon war ich drin. Selbst mein vorher über das Hostel organisierter Pickup-Service wartete geduldig am Ausgang des Terminals und hielt ein Schild mit meinem Namen hoch. 



Neben ihm ein junger Kroate und die freundliche Frage ob er den auch noch mitnehmen dürfe, obwohl er ja mein Pickup sei. Da ich keinen Grund sehe irgendjemandem seinen schmalen Extra-Toman zu verwehren nickte ich das natürlich ab und los ging es. Der Kroate sollte an der ersten Metrostation aussteigen, ich blieb im Auto sitzen und dann ging draußen ein tierisches Gebrüll los. Offensichtlich eine kleine Uneinigkeit über den zu entrichtenden Fahrpreis, dachte ich mir und drehte mich neugierig um. Ebenso kamen gefühlte weitere zehn Taxifahrer hinzu, wir hielten an der Taxibucht vor der Metrostation, und das Gebrüll vervielfachte sich. Später erschloss sich mir dann, dass der gute Kroate vergessen hatte nachzufragen ob der vereinbarte Fahrpreis in Toman oder in Rial zu zahlen sei. Ein Toman entspricht zehn Rial und er war wohl wirklich der Meinung man könne für umgerechnet 50 Cent im Iran Taxi fahren. (Oder er war zu doof zum Rechnen oder er wusste gar nicht um die Existenz der Umrechnungseinheit Toman.) Es endete damit, dass der Taxifahrer wutentbrannt einfach weiterfuhr und der Kroate ihm noch schnell sein Zehntel des Fahrpreises durchs Fenster hereinwarf. Laut fluchen schmiss dann der Taxifahrer, nachdem er wieder auf dem Highway Richtung Stadtmitte war, dieses Geld aus dem Fenster und ich bekam nun endgültig einen gewaltigen Lachanfall. Irgendwann fiel er mit ein und wir hatten noch einigen Spaß auf der restlichen Fahrt.



Das Hostel, das sich Tehranhostel nennt, ist eigentlich ein winzigkleines umgenutztes Wohnhaus mit drei Räumen, verteilt auf zwei Etagen. In zweien der Räume sind je drei Doppelstockbetten und in einer kleinen Abstellkammer noch ein Doppelbett aufgestellt. Dazu gibt es eine Küchenzeile, ein Badezimmerklo und eine Minidachterrasse, auf der ich nun gerade sitze.



Als ich im Hostel angekommen bin war es denn schon 16:00 Uhr, und daher bin ich sofort, nach dem ich mein Bett bezogen und mir, ich hatte ja noch kein Geld getauscht, ein paar Toman geliehen habe, losgezogen. Metro fahren ist total einfach, die Damen am Ticketschalter sprechen alle ein wenig Englisch, und ein Two-Way-Ticket spart noch einige der eh wenigen Cents, die die Fahrkarten hier kosten.  



Da ich im Vorfeld gelesen habe man solle nicht bei Banken tauschen, es gäbe genug lizensierte Wechselstuben die einen besseren Kurs böten, fuhr ich bis zur Metrostation Ferdowsi, wo die Geldwechsler sein sollten. Und da waren sie! Bestimmt zwanzig peilten mich natürlich sofort an, wedelten mit riesigen Geldbündeln und brüllten „Change! Change! Dollar! Euro! Change!“. Glaubt mir, nie kann ich uninteressierter wirken, als wenn mir jemand auf offener Straße was andrehen will. Ich flüchtete mich also entspannt schlendernd, stets ein freundliches „No, thanks, I have!“ auf den Lippen, über zwei der vielen Straßen, die dort am Platz zusammentreffen, in die Ferdowsi Street. In erster Linie sind dort Lederwarenhändler angesiedelt, aber eben auch etliche Wechselstuben in denen man ruhig nach Kursen fragen, Wechselstuben vergleichen, mit Kamerüberwachung sein Reisegeld aus dem Rucksack holen und die empfangenen Millionen entspannt gegenzählen und in kleinere Scheine wechseln lassen kann. Ich bekam nach einigem Hin-und-Her einen Kurs von 1:38000, der offizielle Bankkurs lag bei 1:34500 und der Straßenkurs für Einheimische, den ich nachher von meinem Hostel-Gastgeber erfuhr, bei 1:39000. Ich glaube ich habe einen guten Deal gemacht und muss jetzt nur noch lernen lässig mit meinen Millionen zu jonglieren.



Eine Iranische Sim-Karte, die ich eigentlich ebenfalls erstehen wollte, zusammen mit einem ausreichenden Datenpaket fürs Internet, habe ich nicht bekommen. Ich habe einfach von außen keinen Laden identifizieren können der Sim-Karten verkauft. Inzwischen weiß ich wo ich einen finden kann und werde am Montag, heute, am Sonntag, wird der Geburtstag des zwölften Imam gefeiert und alles hat geschlossen, nochmal dafür losziehen.


Inzwischen sank die Sonne und ich enterte schnell wieder die Metro um noch den Azadi-Tower zu besichtigen. Ein mächtiges Tor auf dem gleichnamigen Platz, gebaut noch vor der Islamischen Revolution, heute umgewidmet als Freiheitsplatz, da hier 1979 die riesigen Demonstrationen gegen den Schah stattfanden. Er hat, ähnlich dem Tahir-Platz in Kairo, wo ich letztes Jahr war, weiterhin eine wichtige Bedeutung im politischen Leben. Die heute Herrschenden wissen genau, wenn es einmal um ihren Kopf gehen sollte, wird sich das Volk dieser Stätte erinnern und sich wieder hier versammeln. Entsprechend war der Platz gestern schon, aufgrund des heutigen Feiertages, von bestimmt 50 Polizeiautos umstellt und daher fast menschenleer. Das führte immerhin zu guten und entspannten Fotomöglichkeiten. Der Turm selber wird zur Zeit baulich saniert, was sich aber aufgrund diverser Schmiergeldskandale wohl noch etwas hinziehen wird.



Zum Abschluss noch eine schnelle Pizza am Ferdowsi Square und zurück zum Hostel. Aufgrund der anstehenden Feierlichkeiten ist die Metro gerappelt voll, was Spaß macht, und an fast jeder Metrostation verteilen die Menschen kostenlose Kekse und Getränke, wie es sich hier für große Feiertage gehört. Ca. zwanzig leckere Kekse und interessierte Nachfragen wo ich denn herkäme später saß ich dann mit diversen interessanten Mitgästen auf der kleinen Dachterrasse und wir lösten bis spät in der Nacht alle Probleme der Weltgeschichte, vereinten alle Religionen und schimpften gemeinsam auf jede Art von Politikern. Witzig, entspannt, politisch gebildet, eine sehr nette Truppe hat sich hier im Moment zusammen gefunden.



Irgendwann sind mir dann nach fast 40 Stunden ohne Schlaf doch ein wenig die Augen schwer geworden und ich bin tot ins Bett gefallen. Morgen wird das ganze Hostel gemeinsam umziehen, unser Gastgeber hat neue Räume gemietet und ich bin gespannt ob die Saadabad Palastanlagen trotz des hohen Feiertages geöffnet sind. Ansonsten bleibt es mir nur entspannt in irgendeinem Park herumzuliegen und auf Montag zu warten. Was mir gar keine soooo schlechte Perspektive scheint.